Koppelbarer 6m2-Pilot
Die meisten Drachenflieger, die den Mut haben, bei internationalen Drachenveranstaltungen große
stablose Einleinerdrachen zu fliegen, haben wohl vier Entwicklungsphasen erlebt:
Die erste Phase:
Bevor sich jemand größere Drachen zulegt, fliegt er meistens kleine, bestabte und/oder filigrane,
kunstvoll gestaltete Drachen – und bemerkt, daß der Himmel von ein paar wildgewordenen
stablosen Großdrachen beherrscht wird:
"Diese Arroganz der Leute...! Und diese Stümperei! Die denken wohl, der Himmel gehört ihnen!?!
Größer ist nicht besser! Meine Drachen haben genau das gleiche Recht am Himmel wie deren –
und außerdem sind meine viel schöner, sorgfältiger gebaut und fliegen zehnmal besser!
Warum kontrollieren die ihre großen Drachen eigentlich nicht vernünftig? Wenn sie das nicht
beherrschen, sollten sie einfach einpacken und uns Könnern die Möglichkeit zum Fliegen geben!
Das sind ohnehin keine echten Drachen, eher Luftgerümpel, das nicht aus eigener Kraft
fliegen kann – eben überhaupt keine richtigen Drachen..."
Die zweite Phase ist:
"Kann sein, daß ich mir mal für die kleineren Veranstaltungen, die ich mitmache, so einen
mittelgroßen Stablosen dazuhole. Ich hab' ja keinen dieser großen Drachen, wie die Veranstalter
sie offenbar immer sehen wollen. Vielleicht erhalte ich dann ein paar Einladungen mehr.
Verglichen mit dem Zeug, das ich jetzt fliege, können die auch gar nicht so schwierig zu fliegen
sein. Kein Aufbau, einfach herausziehen, einen Leitdrachen darüber hängen, anbinden und
gemütlich hinsetzen – aber nicht verantwortungslos wie die Typen, die das große Zeug fliegen!
Ich habe meine Drachen jederzeit unter Kontrolle, und fliege nur, wenn der Wind stimmt, genug Platz
ist und keine anderen Drachen in der Nähe sind, mit denen es Probleme geben könnte – und ich
ziehe mittags und für weitere Pausen alles 'runter."
Gekoppelte 6m2-Pilots
Dritte Phase:
"Schön, das scheint zu funktionieren! Mit gutem Wind geht es eigentlich ganz leicht.
So leicht, daß ich jetzt einige Drachen mehr habe. Ich habe nun auch ein paar Großdrachen
dazugenommen, und selbstverständlich werde ich zu mehr Veranstaltungen eingeladen. Und ich habe
bemerkt, daß es besser ist, die Drachen oben zu lassen, weil es ganz schön lang dauern kann, alles
zu starten und ein freies Plätzchen am Himmel zu finden. Ich will ja nicht, daß andere meinen
Platz und die Bodenanker übernehmen, während ich weg bin.
Es ist ziemlich ärgerlich, daß Veranstalter offenbar nicht kapieren, daß wir Anker brauchen,
um die größeren Drachen anzubinden. Warum stellen sie uns eigentlich nie vernünftige Bodenanker,
in ausreichenden Abständen zueinander, zur Verfügung? Simple Eisenstäbe sind wirklich nicht
sicher, und ich kann nicht mit noch größerem Gepäck reisen.
Eigentlich sollten sie uns auch für die Abnutzung an unseren Drachen entschädigen – die
Reparaturen scheinen kein Ende zu nehmen, und es werden immer mehr. Für manche scheint das in
Ordnung zu sein, aber ich trage alle Kosten aus eigener Tasche.
Wenn der Wind nicht mitspielt, werde ich bestimmt nicht versuchen, Drachen oben zu halten.
Drachenflieger, die hartnäckig einen Neustart nach dem anderen machen – mit all den unvermeidbaren
Mühen und dem Durcheinander, das dabei entsteht – ärgern nur andere Flieger.
Und offen gesagt: Es geht zu Lasten der Drachen, und auch für mich ist es nicht so einfach..."
22m2-Pilot mit vierschenkliger Waage
Die vierte Phase:
"Naja, allmählich begreife ich den Sinn, das Zeug auch bei schwierigen Windverhältnissen am Himmel
zu halten. Aus Sicht der Veranstalter ist es wichtig, immer so viele Drachen wie möglich in der
Luft zu haben (und ich würde liebend gerne zu einigen der größeren internationalen Veranstaltungen
eingeladen, bei denen ich noch nicht war). Bei gleichmäßigem, mittlerem Wind haben ohnehin alle
Schönwetterflieger ihre Drachen in der Luft. Aber – ganz im Vertrauen – die großen
Drachen zu fliegen, wenn der Wind verrückt spielt, ist viel schwieriger als ich dachte –
Arbeit ohne Ende, wirklich kein Kinderspiel.
Bei starkem Wind scheinen alle meine Lifter nach links zu ziehen, und manchmal fliegen sie Loopings.
Irgendwann sollte ich wirklich mal lernen, wie man sie richtig trimmt.
Ich hab' entschieden, wenn die Voraussetzungen ungünstig sind, ist mir das Risiko zu hoch und der Aufwand
zu groß – immerhin ist es ein Hobby, und ich mache das, um Spaß zu haben, und nicht, um zu malochen.
Wenn also keine passenden Anker da sind und der Wind ständig wechselt, oder es gibt gerade etwas
Interessanteres zu tun, dann bleiben meine Drachen einfach in ihren Taschen.
Außerdem gehen mir andere Drachenflieger manchmal wirklich auf die Nerven! Die Bedingungen sind toll,
der Wind weht sanft und gleichmäßig, aber sie holen ihre kleinen Dinger einfach nicht herunter, sodaß
ich Platz hätte, um meine Großdrachen fliegen zu lassen – sehr egoistisch!"
- Ende des Selbstgesprächs -
Was kann ich dazu noch sagen außer: Aus meiner Sicht lohnen sich alle Anstrengungen beim
Drachenfliegen auch dann, wenn die Umstände erschwert sind.
Spektakuläre Showdrachen sind in erheblichem Umfang die treibende Kraft für immer mehr, immer
größere internationale Drachenveranstaltungen und deren erfolgreiche Durchführung.
Das ist harte Arbeit! Manchmal gibt's wegen ständigem Leinenentwirren und vielen Neustarts
stundenlang keine Pause – das ist körperlich anstrengend, verschleißt die Drachen und
zeitweise die Nerven, wird selten anerkannt und von anderen Drachenfliegern zuweilen sogar
offen verspottet.
Drachenflieger mit Erfahrung und hoher Leistungsbereitschaft sind sehr selten. Davon brauchen wir mehr!
Aber leider sind die meisten Flieger wie unser oben beschriebener Redner. Und irgendwie kann ich
es ihnen auch nicht übelnehmen – vielleicht sind ja gerade sie die Vernünftigeren.
Peter Lynn, in Galveston, Texas, 29. November 2011
– und ja, wir hatten ein "Thanksgiving"-Abendessen, wie es schöner nicht hätte sein können.
P.S.: Ich habe die bemaßten Pläne der aktuellen Pilot-Entwicklung beigefügt (nach meinen Skizzen
gekonnt gezeichnet von Robert van Weers). Diese koppelbare Konstruktion mit 6 Quadratmetern,
4 Zellen und 8-schenkliger Waage ist der zuverlässigste, für den größten Windbereich geeignete
einleinige Drachen, den ich je entwickelt habe. Er hat etwas mehr Zugkraft, und der Leinenwinkel
ist etwas geringer als bei den eher leistungsorientierten Pilot-Entwicklungen vergleichbarer Größe.
Drei von ihnen gekoppelt sind ein hervorragender Ersatz für die 22-Quadratmeter-Pilots mit
4-schenkliger Waage, die wir üblicherweise zum Banner-Lifting einsetzen – und sie lassen sich
viel einfacher starten und fliegen. Die Links-/Rechts-Trimmung erfolgt durch Längenveränderung der
entsprechenden "B"-Waageleinen (genau wie bei der Original-Pilot-Serie mit 8 Waageleinen). "B"-Mitte
kann für weniger Zug bei sehr starkem Wind bis zu 200mm verlängert werden; auch bei Leichtwind ergibt
sich eine kleine Verbesserung. [*]
Dieser Bauplan darf von privaten Drachenbauern frei kopiert und verwendet werden. Bei Fragen zu
Konstruktionsdetails und Trimmung helfe ich in einem vertretbaren Maße gerne per E-Mail über
peterlynnhimself.com. Ohne ausdrückliche Genehmigung ist die kommerzielle Nutzung dieses geschützten
Planes nicht gestattet, und ich hoffe, daß Drachenflieger, die einen Mißbrauch bemerken, ihren Unmut
darüber deutlich zum Ausdruck bringen werden.
Waageabmessungen
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Kielabmessungen
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Hauptsegel
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Profilabmessungen
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[*] Anmerkung des Übersetzers:
Auch wenn der zweite Teil des Satzes wohl den Erfahrungswerten der meisten Drachenflieger widerspricht,
wollte ich ihn – im Sinne einer vollständigen Übersetzung – nicht einfach wegfallen lassen.
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